Görlitzer-Finck-Preis 2010

Preisträgerin 2010:


Sabine Euler



Wir gratulieren Sabine Euler herzlich zum 1. Görlitzer Finck-Preis



für folgenden Beitrag:



Kleine Görlitzer Ballade – von meiner Lieblingsstadt und dem Leben darin


Im Kidrontal, auf einer Bank

sitzt die Mutter still und schweigt

denn im schönen Städtchen Görlitz

hat sie gründlich sich´s vergeigt:


Ätzte laut zur Touri-Steuer

schimpft aufs Helenenbad,

kaum einer, der nicht schon krude

Post von ihr erhalten hat.


Drosch auf fremde Kühlerhauben

wenn ihr wer zu hastig war,

feixte über die Vereine,

fand gar vieles sonderbar.


Manchmal trat sie nur aus Laune

fremden Bürgern auf den Schuh.

Und wenn einer zu lang gaffte

rief sie gerne lauthals: „Muh!“


Wie, so mag sich mancher fragen,

wurden ihre Lippen schmal?

Wuchs milder Frust zu wildem Geifer?

Wich der Ausschnitt einem Schal?


Warn´s die vielen kargen Blicke?

Zu oft „Nu.“ statt öfters „Na?“?

War´s das schwätzen statt zu reden?

Sie weiß nicht recht, sie sitzt nur da.


Zeit und Raum hat sie vergessen,

dunkel wird´s und wieder hell.

Und derweil sie sitzt und grübelt

wächst es ihr: das dicke Fell!


Als sie dann mit klammen Knien

aufsteht, wankt und heimwärts geht

sind die Schultern etwas breiter

was ihr ganz vorzüglich steht.


Und entlang der Pflasterstraßen

auf dem langen Weg nach Haus

macht sie wieder Liebenswertes,

freundliche Gesichter aus.


Dabei dämmert ihr allmählich

als sie was im Rinnstein sieht:

Mancher Kack dampft auch woanders!

Sinnlos, wenn man davor flieht!


Ein paar Haare auf den Zähnen

ließ zum Fell sie sich noch stehn´

und auf der Bank im Kidrontal

Ward sie niemals mehr gesehn´.




Laudatio von Axel Krüger:



Eine Laudatio, meine sehr verehrten Damen und Herren, oder eine ultimative Lobhudelei – um es mit den Worten meines geschätzten Kollegen Götz Alsmann zu sagen – ist gut und gerne dazu geeignet, den Laudadierten nachhaltig zu beschädigen.


Nichts leichter, als eine üble Portion Spott und Häme unter den süßen Zuckerguss des Lobes zu legen und das im Inneren mandelbittere Gebäck auf einem öligen Silbertablett zu servieren. Der Laudator selbst geht dabei ein vergleichsweise geringes Risiko ein, denn immer wird er mit Unschuldsblick darauf verweisen können, dass all das, was im Festsaal womöglich als beißende Ironie angekommen sei, so von ihm nie gemeint war und überhaupt er ein großer Bewunderer, ja Verehrer des oder der Gelobten ist.


In meinem Fall – und das macht die Situation für mich nicht nur nicht leichter sondern vielmehr leicht pikant – in meinem Fall also ist es so, dass ich nun tatsächlich ein großer Bewunderer, ja Verehrer von Sabine Euler bin.


Wer die würdige Trägerin nicht nur des ersten zu Görlitz von einer Schar munterer Vögel ausgelobten Werner-Finck-Preises sondern auch quietschbunter Gummistiefel zum luftigen Sommerröckchen, wer diese wenig träge Tanzmamsell je im beschriebenen Schuhwerk über den Untermarkt hat schweben sehn, kann mich verstehen.


Stehen bleiben musste dort am Untermarkt auch schon manch rasanter Zeitgenosse, der sportlich an den spielenden Kindern vorbeizuschießen gedachte, um die für alle beteiligten Parteien bedrohliche Gefahrensituation nicht unnötig in die Länge zu ziehen. In eine solche Länge aber zieht Sabine Euler als Mutter Courage der Peterstraße die Ohren der Raser, nachdem sie in dieselben die ein oder andere Verwünschung aus ihrem hierin überreichen Repertoire geblasen hat.


Als Mutter zweier ganz und gar entzückender Kinder weiß Sabine Euler von den Mühen des Gebärens. Und so ist es nur konsequent, dass sie sich schützend vor die eigene Brut wirft, um die zum Erhalt des Bestandes der Altstadtpopulation notwendige Bioreproduktionsquote möglichst niedrig zu halten. Dass sie dabei auch vor dem bekannten Autokennzeichen GR-2000 nicht scheut, sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.


Ein ganz und gar einzigartiges Element ja man möchte sagen Stilmittel der kommunikativen Einwirkung auf den gesellschaftlichen Gemeinkörper sind ihre bei wahrlich nicht wenigen Mitmenschen berüchtigten Briefe. Handgeschrieben mit ungeheurer Sprachkraft versteht sie es, in der filigranen Eleganz einer Florettfechterin den schweren Vorschlaghammer zu schwingen und Rundumratschläge zu verteilen. Dabei mischt sie gekonnt kaukasische Schwermut mit nordamerikanischer Trucker-Mentalität und taucht den Pinsel in die Farbe laut. Beim Stille-Post-Spiel auf dem nordhessischen Schulhof ihrer frühen Kindertage hat Klein-Sabine vermutlich meist verloren.


Nicht unerwähnt bleiben dürfen ihre permanenten Anstrengungen, in der Servicewüste der städtischen Einzelhandelslandschaft blühende Tulpenfelder zu züchten. Keine Drogeriemarktkassiererin, die nicht schon die Bekanntschaft der Botschafterin für mehr Freundlichkeit im Kundenkontakt gemacht hätte. Aber auch Kunden lernen schnell, dass lästerliche Bemerkungen über Teile der Eulerlischen Familie, vor allem über Mitglieder mit einer Gesamthöhe kleiner 1 Meter 50, zu spontanen Gefühlsausbrüchen führen können. Wem würde es nicht gefallen, solcherart urplötzlich in den Mittelpunkt des Interesses aller Anwesenden gerückt zu werden? Jeder Mensch sollte einmal in seinem Leben ein Star sein, forderte einst Andy Warhol. Sabine Euler macht das möglich.


Die vorletzte Leidenschaft, die ich erwähnen möchte, ist der liebevolle Umgang mit Gaffern. Wie schätzt sie es, wenn einer glotzt. Es ist ja nun nicht so, dass die Schwiegertochter von Pippi Buntstrumpf nicht ihren Teil dazu beitrüge. Provocare, lateinisch für etwas hervorrufen, ist ihre Königsdisziplin. Doch was sie herbeirufen will ist eine pfiffige Reaktion, eine kluge Replik, eine schlagfertige Antwort. Wer bloß blöd glotzt, wer starrt und gafft, dem gibt sie eine Schelle, dass ihm der Kiefer klirrt. Schlagen Sie, liebes Publikum, schamhaft die Augen zu Boden, wenn Ihnen diese Frau mit einem Glockenspiel im Haar und bunten Luftballons, die vermutlich an den Knien festgebunden sind, begegnet und Sie gerade mal wieder keinen originellen Spruch auf den Lippen haben.


In der Bayerischen Landeshauptstadt München hat Sabine Euler Schauspiel gelernt, nachdem sie ihre Landjugend unter dem hellen Stern vom Äpplwoi und Handkäs mit Musik erfolgreich hinter sich gebracht hat. Als Werbetexterin in einer aufstrebenden Agentur verbesserte sie die Welt nur marginal, denn lange schon war ihr klar, dass ihre Bühne aus dem Holz von Bäumen gebaut werden würde, die an anderem Orte gewachsen waren.


Schlesische Schlehen, Lausitzer Lärchen, bolnische Buchen und Görlitzer Giefern sind es dann, die dieses Holz bieten sollen. Die Euler kommt 2001 nach Sachsen, denkt sie. Dass Görlitz, das Ziel ihrer Reise, nicht wirklich sächsisch ist, enttäuscht die junge Frau zutiefst, hatte sie sich doch auf den sexuell stimulierenden Dialekt so sehr gefreut und zu Hause vor dem Spiegel bereits heimlich geübt, de Gusche zu verziehn.


Eine längere innige Umarmung mit einem alten Jugendfreund hatte sie im Moment ihrer Ankunft äußerlich bereits stark verändert. Die bald darauf folgende Niederkunft brachte die alte Form zeitweise zurück. Aufzucht und Pflege des jungen Mannes sowie seiner nachgeborenen Schwester hindern Sabine Euler nicht daran, Haltung zu bewahren, sobald sie Unrecht wittert oder aber dampfende Stoffwechselprodukte von Vierbeinern auf den Gehsteigen und Spielplätzen in ihrem Kiez.


Was motiviert diese starke junge Frau, Jahrgang neunzehnhundertnzensiebzig? Michael Begasse, der RTL Society-Experte, ist fest davon überzeugt, dass die Begegnung der Schauspielerin mit ihrer großartigen Kollegin, der unvergessenen Inge Meysel, in einer Gummersbacher Mehrzweckhalle war, die den entscheidenden Impuls gegeben hat. Das Aufeinandertreffen wurde von einem unbekannten Zeitgenossen protokolliert, ich zitiere:


Euler: ich bewundere Sie sehr, Frau Meysel.


Meysel: ja – und was machen Sie so?


Euler: ich bin Schauspielerin


Meysel: in welchen Shakespeare haben Sie schon gespielt


Euler: ich stehe noch ganz am Anfang, zur Zeit spiele ich in Meider Eder und sein Pumuckl


Meysel: wer noch keinen Shakespeare gespielt hat, kann sich nicht Schauspieler nennen


Die nächsten Minuten sind leider nicht laudatiogeeignet, aber sie festigten den Wunsch in Sabine Euler, dem Leben zurückzugeben, was sie mal wieder so reichlich empfangen hatte. Das tat und tut sie auf eine wunderbare Weise. Nichts, was sie stört, bleibt unkommentiert. Und wenn sie stört, wie sie das tut, dann zieht sie sich mit feiner Selbstironie selbst durch den Kakao. Das macht sie exemplarisch im nominierten Beitrag „Kleine Görlitzer Ballade“, der gleichermaßen bei Jury und Internet-Abstimmern vorne auf lag. Und so hält sie ihn nun in den Händen, den ersten Görlitzer Werner-Finck-Preis und wird wissen, dass so ein Preis durchaus geeignet ist, die Hände zu beschweren.


Dass das bei ihr so kommt, daran hab ich und nicht nur ich, wohl sehr zu recht meine fröhlichen Zweifel. Vielen Dank.