Görlitzer Finck-Preis 2011 – Beiträge & Voting
“Für die Zersetzung der Humorlosigkeit im öffentlichen Leben”
Herzlich Willkommen zum 2. Görlitzer Finck Preis 2011 – Hier finden Sie die zur Nomminierung eingereichten Beiträge. Wir wünschen viel Spass und bitte denken Sie an das Voting am Ende dieser Seite.
Beitrag 1
von Ronny Förster
++ ACHTUNG FAHNDUNG ++
„Herzlich Willkommen liebe Zuschauer zur Sendung „Kripo Live“ im MDR.“ Unser erster Fahndungsaufruf erreicht uns heute aus Görlitz. Hier werden über 50.000 Personen vermisst. Sie sollen eigentlich alle die 3. Sächsische Landesausstellung „Via Regia“ in Görlitz besuchen, die am 21.Mai 2011 eröffnet wurde. Doch die Gäste sind nie in der Neißestadt angekommen. Zur Beschreibung der Vermissten gibt die Lausitzer Polizeidirektion folgende Angaben:
– das Alter schwankt zwischen 16 und 75 Jahren
– die Statur reicht von schmächtigen 160 cm bis kräftige Körper von 185 cm Größe
– besondere Merkmale sind verschiedene sächsische Dialekte und großes Kulturinteresse
– die gesuchten Personen können männlich und weiblich sein , sie trugen Jeans und T-Shirt bzw. bunte Sommerkleider
– Wahrscheinlich sind die vielen Gesuchten mit dem PKW auf der Autobahn A4 über Dresden oder mit dem Sachsenticket der Deutschen Bahn unterwegs gewesen.
Wer hat die 50.000 Vermissten gesehen und kann Angaben zu ihren Verbleib machen?
Wer hat die mutmaßlichen Täter und ihre Komplizen gesehen?
Der sächsische Oberstaatsanwalt hat bereits die Ermittlungen aufgenommen und auf allen Bahnhöfen des Landes Fahndungsplakate aufhängen lassen. Außerdem wurde die SOKO“ Gäste“ gebildet, welche die Maßnahmen koordinieren soll. Eine Belohnung wurde in Form eines 1-Jahrespraktikums in Görlitzer Museen ausgesetzt.
Vertrauliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle und der Görlitzer Kulturbürgermeister entgegen.
„Vielen Dank Herr Polizeihauptkommissar Herr Finck.“
von Ronny Förster
Beitrag 2
von Christian Reichardt
Denkmalschutzantrag Königshufen
Sächsisches Staatsministerium des Innern
Wilhelm-Buck-Straße 4
01097 Dresden
Görlitz, den 01. April 2011
Antrag auf Aufnahme der komplexen Wohnbebauung Schlesische Straße 1 – 156, Görlitz in das Verzeichnis der Kulturdenkmale
Hiermit beantragt die Bürgerinitiative „Pro Görlitz-Königshufen 21“,
die Gebäude Schlesische Straße 1 – 156 in Görlitz – Königshufen gemäß §§ 10 Abs. 2, Satz 1, 10 Abs. 1, 3 Abs. 1 Ziffer 1, 1,2 Abs. 5 lit. a), 21 des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes, in der Fassung vom 01.01.2009 in die Liste der Kulturdenkmale des Freistaates Sachsen aufzunehmen.
Bei den Gebäuden handelt es sich um 5- bis 6-geschossige im Plattenbauverfahren errichtete Wohnhäuser.
Die Gebäude sind aus Fertigteilplatten zusammengefügt, welche in Fertigteilwerken vorgefertigt wurden. Das Zusammenfügen der Bauteile erfolgte vor Ort. Die Tragkonstruktion besteht in Form einer Skelettkonstruktion aus Fertigteilen. Die Fassadenplatten zeichnen sich dadurch aus, dass sie durch die Verwendung von Sichtbeton (auch als Waschbeton bezeichnet) besonderen Gestaltungsaufwand aufweisen. Das Dach ist in Form eines Flachdaches ausgebildet. Die Baumaßnahmen in Görlitz – Königshufen begannen 1976, 10 Jahre später waren ca. 6000 Wohnungen fertig gestellt.
Die Denkmalfähigkeit der Gebäude beruhen auf geschichtlichen Merkmalen.
Die geschichtliche Bedeutungskategorie liegt vor allem im Dokumentationswert früherer Bauweisen und den in ihnen zum Ausdruck kommenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen. In diesem Sinne sollen die Baugeschichte, Bauweise und die funktionelle Bestimmung beleuchtet werden.
Zitat:
„Aus geschichtlichen Gründen kann ein Bauwerk ein Denkmal sein, wenn das Gebäude das Leben bestimmter Zeitepochen anschaulich macht. Einem Bauwerk kommt geschichtliche Bedeutung zu, wenn es im besonderen Maße zum Aufzeigen oder zum Erforschen geschichtlicher Entwicklungen geeignet ist. Eine derartige Bedeutung ist gegeben, wenn das Gebäude für das Leben bestimmter Zeitepochen sowie für die politischen, kulturellen und sozialen Verhältnisse einen Aussagewert hat. Die geschichtliche Bedeutung eines Bauwerks kann sich sowohl auf die Zeit, als auch auf die Orts- und Heimatgeschichte beziehen (vgl. VGH Hessen, Urteil vom 12.09.1995, Az: 3 UE 2679/94 – BRS 57 Nr. 262).“
Die Bauzeit liegt in den 1970er und 1980er Jahren. Darauf deutet zunächst die zur Erschließung der Gebäude der in diesem Jahre ausgebauten Straße „Schlesische Straße“ hin. Auch andere Merkmale (darunter die einfache Gestaltung und die Ausführung als komplexer Wohnbau) verweisen darauf, dass die Gebäude in ihrer Ausformung und Funktionalität der baufachlichen Hochkonjunktur des in voller Blüte stehenden Arbeiter- und Bauernstaates (Deutsche Demokratische Republik) Meilensteine setzten und damit in einem herausragenden Zeitalter dieses europäischen Landstriches errichtet wurden.
Es sei darauf verwiesen, dass die Prozesse der gesellschaftlichen Entwicklung nebeneinander verliefen. Die Industrialisierung bedeutete natürlich nicht das Ende der Landwirtschaft und traditioneller Lebensformen, die sich in eben so traditionellen Wohn- und damit Bauformen niederschlagen, wie wir sie in den Bereichen der Stadt Görlitz wieder finden.
Es ist davon auszugehen, dass die Gebäude ursprünglich zum Zwecke der Linderung der Wohnungsnot in der Stadt Görlitz errichtet wurden. Wie verschiedene Quellen belegen, ist der Bau der Gebäude auf das staatliche Wohnungsbauprogramm der Deutschen Demokratischen Republik aus dem Jahre 1972 zurückzuführen. Die Vorteile gegenüber den so genannten Altbauwohnungen bestand darin, dass die Gebäude über fließendes warmes und kaltes Wasser, eine Zentralheizung (kein Verbringen von Kohle mehr nötig), in den Wohnungen liegenden Toiletten sowie über eine Badewanne verfügten.
Die in der so genannten Altstadt und in den Gründerzeitvierteln der Stadt Görlitz vorherrschende Bebauung war wegen der Mangelwirtschaft der DDR marode geworden. Moderne Einbauten wie Gasthermen, Thermopenfenster usw. waren mangels zur Verfügung stehender Materialen zur Schaffung zeitgemäßen Wohnraumes nicht möglich.
Konkretes ist von den ersten Bauherren nicht bekannt. Urkundlich belegbar ist, dass diese Gebäude von der so genannten Kommunalen Wohnungswirtschaft, der Rechtsvorgängerin der WBG Görlitz GmbH, seit dem Jahre 1982 verwaltet wurden. Aus den Grundbüchern lässt sich entnehmen: „Eigentum des Volkes, Rechtsträger Rat der Stadt Görlitz“, also eine für diese Zeit typische, wenn auch die wirtschaftliche Zerlegung in sich tragende, Eigentumsform in den dem so genannten Ostblock angehörenden sozialistischen Staatsformen.
Wie vorstehend angesprochen geht die Errichtung der Gebäude auf den so genannten „Komplexen Wohnungsbau“ zurück und diente damit der Linderung und Hebung der vorherrschenden mangelhaften Wohnungsversorgung der Arbeiter und Intellektuellen. Die Nutzung diente ausschließlich der Versorgung der Bevölkerung, insbesondere derjenigen, die sich besonders verdient um die Erfüllung der Planvorgaben im Rat der Stadt, den VEB`s, den Kreispolizeibehörden und sonstigen wichtigen Kadern gemacht haben. Für diese Zeit typisch und als Zeichen der besonderen Nachfrage für derartigen Wohnraum ist, dass durch kleine Geschenke und Einräumen von sonstigen Vorteilen, der menschlich verständliche Versuch unternommen wurde, auf der Warteliste für den Bezug einer Neubauwohnung vorzurücken.
Lage:
Die Lage des Gebäudekomplexes befindet sich im Norden der Stadt Görlitz und erweiterte um ca. 100 ha die städtische Wohnsiedlungsfläche. Der Gebäudekomplex ist malerisch in die landwirtschaftlich geprägte Umgebung eingepasst. Besondere Aufmerksamkeit wurde auf den Schutz der natürlichen Ressourcen und das Sicheinfügen in die Landschaft gelegt. Für damalige Verhältnisse handelte es sich um hypermoderne sachlich ausgestaltete und funktionelle Gebäude, die nicht ohne einen morbiden Charme auskommen. Insbesondere die Gleichförmlichkeit aller Einrichtungen, Ausstattungen und Wohnungsgestaltungen profilieren die Gebäude als politisch aufgewertete sachlich funktionelle Wohneinheiten, die die wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichschaltung der Genossen Vorschub leistete.
Weitere gestaltende Elemente wie zum Beispiel die besondere Aufwertung der Fassade und gleichgliedrige Genossensteige und der damalige Einsatz von so genannten Feierabendkolonnen führten in kurzer Zeit zu einer Uniformität der Bewohner, welche die Verwaltung der Wohngemeinschaften durch die staatlich ausgesuchten Abschnittsbevollmächtigten einerseits erleichterte, wegen der Gleichförmigkeit der Gebäude und der Verwechselungsgefahr der Adressen und Mieter allerdings auch erschwerte.
Die grundlegende Gestaltung ist natürlich stark von der Funktion vorgegeben, doch liegt darin auch ein gestalterischer Aspekt begründet, den es gerade aus heutiger Sicht zu schätzen gilt. So entwickeln die relativ großen und hohen Fenster oder der Waschbeton eine eigene Ästhetik, die für die Kulturlandschaft damals modern war und, gerade in unseren Augen, heutzutage an Wert gewinnt.
Die baugeschichtliche Bedeutung der Gebäude wird durch die aufgezeigten Zusammenhänge, in denen das jeweilige Haus steht, untermauert und um den gesellschafts-, sozial-, wirtschafts- und ortsgeschichtlichen Aspekten erweitert. Die Gebäude Schlesische Straße 1 – 156 sind in Baumaterial, Ausführung und gesellschaftlich wie wirtschaflicht determinierter Baugeschichte exemplarisch in mehrfacher Hinsicht.
Baugeschichtlich ist insbesondere hervorzuheben, dass sich nach 1920 eine neue Architekturepoche, die heute als „klassische Moderne“ oder aber ab 1950 als „internationaler Stil“ bezeichnet wird, entwickelte. Die Grundgedanken waren die Abkehr von Historismus und seinen verspielten Formen, sowie Reduktion auf das Wesentliche und die Verwendung neuer Materialien wie Spannbeton, Stahl und Glas. Die Bauweise setzte sich immer mehr durch und dadurch wurde die Plattenbautechnik zur anerkannten Architektur. Der Verzicht auf Dekoration (mit Ausnahme an der Fassade des Waschbetons) und die Verwendung einheitlicher Materialen förderte ein uniformiertes Erscheinungsbild der Gebäude.
Die ersten Häuser, bei denen vorgefertigte Großplatten in Stahlbetonbauweise eingesetzt wurden, entstanden ab 1910 im Gartenstadtprojekt Forest Hills Gardens in Queens, einem Stadtteil von New York, Architekt Grosvenor Atterbury. In Deutschland wurden die ersten Gebäude in Tafelbauweise in den Jahren 1926 bis 1930 in Berlin – Lichtenberg, Ortsteil Friedrichsfelde nach Entwürfen des damaligen Stadtbaurats Martin Wagner errichtet. Hierbei handelte es sich um 2 -3 geschossige Siedlungsbauten mit ursprünglich 138 Wohnungen (heutiger Name: Splaneman Siedlung). Später wurde diese Bauweise von Le Corbusier aufgegriffen und von ihm 1925 in Paris vorgestellt in Form des Pavillon de l´Esprit Nouveau. Derartige Wohneinheiten wurden zwischen 1947 und 1965 in vier französischen Orten und in Berlin realisiert. In den 1980er Jahren fanden sie sodann ihre Vervollkommnung und Blüte in den Gebäuden Schlesische Straße 1 – 156.
Würdigung:
Die Gebäude erfüllen die Kriterien für die Denkmalwürdigkeit. Darunter ist ein zusätzlich zur Denkmalfähigkeit bestehendes öffentliches Interesse an der Erhaltung einer Sache zu verstehen. Dieses Tatbestandsmerkmal des Denkmalbegriffes setzt nach allgemeiner Ansicht voraus, dass die Denkmaleigenschaft einer Sache und die Notwendigkeit ihrer Erhaltung in das Bewusstsein der Bevölkerung oder mindestens eines breiten Kreises von Sachverständigen eingegangen sind. Das Merkmal des öffentlichen Interesses erfüllt im Bezug auf die weit gefassten Voraussetzungen der Denkmalfähigkeit eine Korrektivfunktion und dient der Ausgrenzung denkmalpflegerisch unbedeutender, nur aufgrund individueller Vorlieben für denkmalwürdig gehaltener Objekte.
Das öffentliche Interesse an der Erhaltung der Gebäude beruht hinsichtlich des geschichtlichen Schutzgrundes auf dem wissenschaftlich – dokumentarischen Wert.
Die Gebäude bezeugen die traditionelle Bauweise und den historischen Entwicklungsprozess des Siedlungsbaues der Region, ja sogar einer sozialistischen Staatsform in Funktion und Form, wobei hier zunächst der schlichte Typ WBS 70 des 20igsten Jahrhunderts repräsentiert wird. Er ist geprägt durch das traditionelle DDR-typische Material Beton und die Sechsgeschossigkeit. Dazu kommt, dass die einst im Rahmen des komplexen Wohnungsbaus völlig funktional geprägten Bauten durch verschiedene Um- und Anbauten im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert so aufgewertet wurden, dass sie nunmehr als Wohnungen auch für finanziell durchschnittlich ausgestatte Personen gefragt sind. Die eigentliche sozialistische Idee, modernen und bezahlbaren Wohnraum für alle zu schaffen, realisierte sich also erst im 21. Jahrhundert, also im Kapitalismus, durch Wegfall der Wohnraumzuweisung und Schaffen eines freien Wohnmarktes unter Einsatz von Wohngeldzuschüssen. Der gestalterische Anspruch wird vor allem in die Zurückführung auf die Wurzel der weltweit und fachlich anerkannten Architekten Atterbury, Wagner und Le Corbosier gerechtfertigt. Die Gebäude sind bis auf verschiedene Modernisierungsarbeiten (Haustürvorbau, verschiedentlich Einbau von Aufzügen) authentisch in ihrem Zustand.
Die Gebäude Schlesische Straße 1 – 156 haben im Zusammenhang mit der Veränderung der Wohnungsgewohnheiten und des Aufkommens des „Komplexen Wohnungsbaus“ eine Bedeutung für die Epoche, nämlich die des Auftretens eines sozialistischen Arbeiter- und Bauerstaates an der Nahtstelle zur LPG Pflanzenproduktion – Fortschritt und des industriellen Aufschwungs der DDR. Man kann sogar sagen, das diese Plattenbauten, neben anderen so genannte Neubausiedlungen in der DDR, wegen der enormen Baukosten die Staatsverschuldung der DDR dermaßen strapazierte, dass der so genannten Friedlichen Revolution von 1989 der Boden bereitet, und 1989 aus heutiger Sicht ohne dieses Wohnungsbauprogramm aus dem Jahre 1972 wohl niemals eine Wiedervereinigung der deutschen Staaten möglich gewesen wäre.
Aus den vorstehenden Gründen ergibt sich auch die wirtschaftliche Zumutbarkeit der Erhaltung der Baudenkmäler Schlesische Straße 1 – 156 gemäß § 8 Abs. 1 Sächs.DSchG für die Eigentümer.
Mit freundlichem Gruß
Peter-Jörg Thomasios
Vorsitzender Bürgerinitiative „Pro Görlitz-Königshufen 21“
P.S.: Das Stellen eines Antrages auf Aufnahme in die Liste als Weltkulturerbe behält sich die Bürgerinitiative vor.
von Christian Reichardt
Beitrag 3
von Jonas Conrad
Ein Muttertagsgedicht
Gerade als ich aufgewacht,
habe ich mir Gedanken gemacht:
Was denn eigentlich heute ist,
ach Muttertag, vergiss das nicht!
Jetzt muss schnell ein Geschenk her.
Doch alle Läden zu, da gibt´s nichts mehr.
Dann eben selber machen!
Und was ist, wenn sie mich auslachen?
Ach egal, mm jetzt fällt`s mir ein,
ein Bild müsste es sein.
Ein Blatt Papier, Pinsel und Farbe
jetzt aber keine Gnade,
Kleckse und Flecken schnell aufs Papier,
fast wie Picasso so scheint es mir.
Ein teures Bild ist so entstanden,
wie es auf der Welt noch nicht vorhanden.
Und Mutter hängt den tollen Schatz
an ihren allerbesten Platz.
von Jonas Conrad
Beitrag 4
von Lothar Walli
Eine Schiffsreise auf dem Berzdorfer See
Der farbenprächtige Sonnenaufgang verspricht einen schönen Tag.
Xylit ist zeitig aufgestanden, hat Frühstück gemacht und auch schon den Wanderrucksack gepackt. Noch etwas verschlafen erscheint Xylity und schaut verwundert in die Runde. „Was ist denn hier los?“ fragt sie. „Es wird ja langsam Zeit, du Schlafmütze, dass du hier erscheinst“ sagt Xylit „schau dir das Wetter an, es ist das richtige für eine zünftige Seefahrt.“ Bei dem Wort Seefahrt ist Xylity auf einmal hell wach und es kann ihr alles nicht schnell genug gehen.
Mit der Bahn fahren sie bis zum Haltepunkt Hagenwerder. Von hier nehmen sie den kürzesten Weg über den Gleisübergang, vorbei am Technischen Denkmal zum Hafen. Bis zum Ablegen des Schiffes haben sie noch eine halbe Stunde Zeit. Sie kaufen sich eine Tageskarte, einen Bummel über das Hafengelände lehnt Xylity ab. Sie setzt sich an der Anlegestelle auf eine Bank, denn sie möchte die Abfahrt des Schiffes auf keinen Fall verpassen.
Endlich war es so weit, die Gangway wurde ausgelegt und unsere Beiden haben sich wie man so sagt eingeschifft. Wie konnte es anders sein, Xylity hat gleich mit ihrem Temperament das gesamte Schiff erobert. Sie lief vom Bug zum Heck, von Backbord nach Steuerbord, vom Unter- zum Oberdeck und konnte sich für keinen Platz so richtig entscheiden. Xylit suchte sich einen Platz am Bug und meinte zu Xylity, die gerade vorbei kam, „ich bleibe hier, von hier aus habe ich eine gute Sicht über den See und von der Reling aus kann ich auch das Treiben über und unter Wasser beobachten. Lauf du nur weiter, du weißt ja, wo du mich finden kannst.“ Die Schiffssirene kündigte an, dass das Schiff mit dem stolzen Namen „Glückauf“ in See sticht. Xylit denkt noch, wenn es nach meinem Kumpel gegangen wäre, hätte das Schiff den Namen „Heilige Barbara“ erhalten. Letztlich aber ist es auch egal, der Name erinnert an den Bergbau, durch den der schöne See entstanden ist.
Langsam steuerte der Kapitän das Schiff an den vielen Bootsstegen vorbei hin zur Hafenausfahrt. Steuerbords grüßte der Leuchtturm, von dem sich das Schiff mittels der Schiffssirene aus dem Hafen verabschiedete. Xylit stand am Bug und vor ihm eröffnete sich der Blick über den gesamten See und sein einmaliges Umland. Dieser Blick alleine entschädigt für den Preis der Schiffskarte. Xylity hat sich in der Zwischenzeit auch bei ihrem Freund eingefunden und war, was ganz selten vorkommt, ob dieses Anblickes sprachlos. Das Schiff lag ruhig auf dem Wasser, die leisen Motorengeräusche vermittelten ein angenehmes Gefühl der Ruhe und Geborgenheit. Gemächlich
ging es am Ostufer entlang, vorbei am gut besuchten Badestrand, den Schilfstreifen, in denen sich die Enten tummeln und die Fischreiher auf Beute lauern bis zur Anlegestelle Deutsch-Ossig. Xylity beobachte gespannt das Anlegemanöver, die ersten Fahrgäste verließen hier das Schiff und neue stiegen hinzu. „Warum steigen hier schon die ersten Menschen aus?“ fragt Xylity den Kapitän, der an der Gangway steht. „ Nun weißt du“ meint er, „einige Leute haben sich nur eine Karte bis hierher gelöst, sie wollen von hier aus den See auf dem Landweg weiter erkunden. Andere haben wie du eine Tageskarte gelöst und die Karte berechtigt die Leute, einen Bummel durch Deutsch-Ossig zu machen und mit einer der nächsten Rundfahrt zur einer anderen Anlegestelle zu fahren.“ Xylity ist ganz stolz, ein so langes Gespräch mit dem Kapitän geführt zu haben und läuft schnell zu Xylit, um ihm all das Neue, was sie erfahren hat zu erzählen. Xylit aber lächelt nur und meint: „Das habe ich dir doch alles schon erzählt, als wir den Tag im Hafen verbracht haben, du hast es nur vergessen, aber das Gespräch mit dem Kapitän war schon eine dolle Sache.“ Xylity geht wieder zur Gangway, beobachtet das Ablegemanöver und winkt den Zurückgebliebenen zu.
Die Fahrt ging weiter in Richtung Nordstrand.
Sie waren noch nicht weit gekommen, da hörte Xylity auf einmal ein leises Glockenläuten. „Hör nur Xylit, kannst du auch das Glockenläuten hören, wo kommt das her?“ fragt Xylity ganz aufgeregt. Xylit lächelt etwas verstohlen und meint: „Das kommt aus dem See, das ist der Flözgeist, der läutet die Glocken der ehemaligen Kirche von Deutsch-Ossig.“ Xylity schaut ihren Freund ganz verwundert und ungläubig an. Flözgeist und Glockengeläut vom Grund des Sees und von einer Kirche, die gar nicht mehr da ist, das soll sie ihm glauben? „Hallo, was geht hier ab,“ fragt Xylity, „ich glaube dir kein Wort, das musst du mir schon genauer erklären.“ „Es gibt da so eine Sage vom Flözgeist, die sich unser Kumpel ausgedacht hat und die ich dir irgendwann einmal auf unserer Bank erzählen werde. Hier erzähle ich dir die Sage vom Glockenläuten, die eine der vielen Geschichten über und vom Flözgeist ist.“
Der Flözgeist wohnt noch immer in dem Restflöz, das nach Schließung des Tagebaues übrig geblieben ist. Da es für ihn nicht mehr allzu viel zu tun gibt, erkundet er ab und zu den See. Er spricht mit den Tieren im Wasser und erfreut sich an den schönen Wasserpflanzen. Für ihn existieren noch all die Dörfer und Häuser, die der Braunkohle weichen mussten und für ihn sind sie auch noch alle vorhanden, nur die Menschen sind aus ihnen verschwunden. So streift er durch die Häuser und Gärten und auch durch die Kirchen von Deutsch-Ossig und Berzdorf. Wenn ihm danach ist, läutet er auch schon mal die Glocken, die dann ganz leise und zart von den Menschen auf dem See gehört werden.
„Das ist aber eine schöne Geschichte, die du da erzählt hast. Können wir auch den Flözgeist sehen und mit ihm sprechen?“ fragt Xylity. „Für die Menschen ist der Flözgeist wie alle Geister unsichtbar, er tritt ihnen gegenüber jedoch manchmal, ohne dass sie ihn erkennen, in verschiedenen Gestalten auf. Für uns beide macht er sich schon sichtbar, er ist ja schließlich unser Freund“ sagt Xylit. Beide schauen über die Reling und versuchen dem Flözgeist beim Glockenläuten der Kirche von Deutsch-Ossig zuzuschauen.
Noch unter dem Eindruck der schönen Geschichte haben sie die Anlegestelle Fernblick erreicht. Hier verlassen einige Camper das Schiff, sie wollen sich auf dem Zeltplatz einige Tage erholen. Die Reise geht ohne großen Aufenthalt weiter in Richtung Anlegestelle Kleinneundorfer Weingarten. Der Nord-Weststrand ist nichts für Badegäste, hier haben die Wasservögel ihre Reviere. Schilfgürtel und kleine Buchten laden die Segler mit ihren Booten zu romantischen Pausen ein. Auch die Angler sitzen ganz ruhig und still in ihren Kähnen und träumen von einem ganz großen Fisch. „Sag mal Xylit, gibt es denn hier überhaupt Fische?“ möchte Xylity wissen. Xylit hat sich aber schon kundig gemacht und kann jetzt mit Stolz berichten. „Natürlich gibt es sogar sehr viele Fische, der See ist fisch- und artenreich, dafür sorgen schon der Anglerverband und das saubere, nährstoffreiche Wasser. Ich habe mir sagen lassen, der umfangreiche Fischbestand besteht in der Hauptsache aus Bachforellen, Plötzen, Barschen, Hechten, Bleien, Gründlingen, kleinen und großen Moränen, Zandern, …..“.
„Hör auf“ ruft Xylity entsetzt und hält sich die Ohren zu. „Ich glaube das nicht, dass es hier so viele Fischarten gibt. Da frage ich mich doch, warum essen die Leute dann nur immer Hering und Makrelen, die es hier gar nicht gibt.“ „Nun ja, ich verstehe das auch nicht“ meint Xylit, „frage doch einmal die Menschen selbst.“ „Da sitzt ja ein Angler in seinem Kahn, ob er wohl schon einen Frisch gefangen hat? Der schaut aber nicht gerade freundlich zu uns rüber, wahrscheinlich hat er Angst, dass wir ihm mit unserem Schiff die Fische vertreiben“. Gern würde Xylity ihn das alles fragen, aber die Fahrt geht weiter.
An der Schiffsanlegestelle Kleinneundorfer Weingarten steigen viele Leute aus, sie sind für eine längere Wanderung über die Berzdorfer Höhen ausgerüstet. Einige steigen auch wieder zu und man sieht es ihnen an, dass sie eine längere Wanderung hinter sich haben. Sie lösen gleich an Bord ein Ticket bis zum Hafen und bestellen sich ein großes Bier, das sie auf der Weiterfahrt in Ruhe genießen. Das Schiff fährt am Naturschutzgebiet entlang. Durch Bojen ist es vom anderen Teil des Sees abgegrenzt. Es handelt sich um ein Flachwassergebiet, das seltenen Tieren und Pflanzen eine Heimstatt bietet. Für den Interessierten gibt es viel zu sehen. Zwischen den Pflanzen- und Schilfgürteln tummeln sich viele Wasservögel, Libellen schwirren über der Wasserfläche, Frösche und Fische haben hier ihre Laichplätze. „Warum dürfen keine Angler und Segler mit ihren Booten in das Gebiet fahren?“ möchte Xylity wissen. „ Nun weißt du, hier ist die Natur ungestört, möchte sagen, sie ist unter sich. Nur wenige Naturforscher dürfen das Gebiet für Studien- und Beobachtungszwecke befahren“ erklärt Xylit. „Sie beobachten dabei die Vielfalt der Arten, auch viele, die vom Aussterben bedroht sind, und sie führen Zählungen durch, um die Entwicklung der Fauna und Flora in diesem Gebiet zu dokumentieren. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten kann man im Naturkundemuseum sehen oder in der Presse verfolgen.“
„Da“ ruft Xylit, „siehst du die steile helle Wand da drüben über dem Ufer? Die Leute haben sie Loreley genannt.“ „Loreley, das ist doch der Felsen am Rhein“ weiß Xylity stolz zu berichten. „Da gibt es doch das Lied von dem Mädchen, das sich ihr goldenes Haar kämmt und dem Fischer, der mit seinem Kahn im Rhein versinkt. Ach ja, wenn ich das so betrachte, würde ich das hier mit dir auch einmal ausprobieren, aber so romantisch bist du ja nicht.“ Meint sie mit einem Seitenblick auf Xylit. „ Ach ja“ meint Xylit, „du würdest mich also ohne weiteres ertrinken lassen wollen“. „Was heißt hier ertrinken, du hast doch deinen Freund den Flözgeist der dich rettet,“ stellt Xylity lächelnd fest.
Bei den vielen Erklärungen hat das Schiff schon den Bereich der Blauen Lagune, den schönsten Badestrand des Sees, erreicht und an der Anlegestelle festgemacht. Hier könnten zwar unsere Beiden aussteigen und ein Bad nehmen. Xylity meint auch begeistert, „ach lass uns doch aussteigen, wir haben noch viel Zeit und könnten mit dem nächsten Schiff weiter bis zum Hafen fahren.“ „Nein das geht nicht“ meint Xylit. „Aber warum denn nicht“ will Xylity wissen. „Ich habe heute Morgen vergessen, die Badesachen einzupacken“ gesteht Xylit. Nun ohne alles wollte Xylity auch nicht zwischen den Menschen plantschen, obwohl sie vom Schiff aus gesehen hat, dass sehr viele Leute auch ihre Badesachen zu Hause vergessen haben. Na klar denkt sie, auch unser Kumpel nutzt die Gelegenheit, wenn er mit dem Fahrrad hier vorbei kommt, schnell einen Sprung ohne alles ins Wasser zu machen, ein Handtuch hat er ja immer in seiner Fahrradtasche dabei.
Den Schiffsaufenthalt haben nicht nur Badefreudige zum Ausstieg genutzt, auch Spaziergänger sind mit ausgestiegen, um einen Bummel über die schöne Strandpromenade nach Tauchritz zu machen. Xylit und Xylity aber lehnen an der Reling und genießen das letzte Stück auf dem Wasser. Die Schiffssirene kündigt die Einfahrt in den Hafen an und damit geht eine sehr interessante Rundfahrt zu Ende.
Für den Heimweg ist es noch zu früh und so beschließen sie, noch einmal zum Leuchtturm aufzusteigen. Auf einer Bank machten sie es sich gemütlich, ein laues Lüftchen sorgte für eine angenehme Abkühlung. Jeder ging seinen Gedanken nach, ließ den Tag Revue passieren oder schaute dem Treiben auf und um den See zu. Plötzlich meinte Xylity, „du Xylit, die Geschichte, die du mir vom Flözgeist auf dem Schiff erzählt hast, ist die wirklich wahr?“ Nun plagt Xylit doch das schlechte Gewissen und er meint entschuldigend: „Nein meine liebe Xylity, die Geschichte erzählen sich gern die Leute, weil sie so romantisch und auch etwas unheimlich ist. Wahr ist lediglich, dass man manchmal, wenn der Wind gut steht, ein Glockenläuten von einer Kirche aus den umliegenden Dörfern hören kann, ohne das man den Ursprungsort sieht.“ „ Oh ich finde aber die Geschichte von Flözgeist viel schöner als deine nüchterne Erklärung. Auf die Geschichte oder Sage vom Flözgeist bin ich jetzt noch mehr gespannt und vielleicht kann ich ihn ja auch einmal sehen“ meint Xylity, die nun merkt, dass sie der Tag doch sehr gefordert hat, sie nimmt Xylit bei der Hand und zieht ihn in Richtung Heimweg.
von Lothar Walli
Beitrag 5
von Claus Böhm
Glückliches Görlitz
Als ich neulich aus dem Urlaub zurückkam, – von einem dieser herrlich verregneten Strände an der Ostsee, wo mich immer das Mitleid überwältigt, wenn ich diesen ebenso missmutigen wie kinderreichen Familien im Regen zusehe, wie sie aus klebrigen Sand, der durch Wasser von oben und unten bereits Betonschwere annimmt, Burgen zu bauen versuchen – rannte mir auf dem Elisabethplatz meine Zeitungsfrau wild gestikuliert entgegen, Stand und Ware vergessend, und mir lauthals mitzuteilen: „Stellen Sie sich vor, bei und hat einer aus Görlitz 2.273. – Euro gewonnen!“ Nun, Mitteilungen über die Höhe des Vermögens anderer Leute interessieren mich grundsätzlich nicht solange ich nicht sicher bin, pekuniär mitziehen zu können. Das aber ist nun einmal mein Problem. Seit Jahren bin ich dieser Lottoannahmestelle auf dem Elisabethplatz treu – schon weil die Zeitungsfrau mir immer so nett, „Glück“ wünscht, als meine sie es ernst ( aber vielleicht will sie auch nur etwas abhaben, wenn ich dann eines Tages mit dem kaum gebändigten Glückslächeln an ihrem Stand vorbeistolziere, im Bewusstsein, es nicht mehr nötig zu haben) – aber meine Treue wird sehr strapaziert, weil mehr als nur ein mäßiger Dreier mir nie bescheiden war. Auf meine Frage: „Weiß man denn, wer gewonnen hat?“ verblüfftes Schweigen.
„Aber nein, die kommen doch nicht zu mir, die gehen doch gleich nach Leipzig oder schicken den Schein per Post.“
„Aber woher wissen Sie denn dann, dass es ein Görlitzer war, der gewonnen hat?“
Meine Frage schien mir nicht unberechtigt. „Na klar, wer denn sonst“, im Brustton der Überzeugung, verbunden mit einem mitleidigen Lächeln über so viel Unwissenheit.
Vielleicht war es ja auch nur ein zufällig vorbeistreuender Tourist, von denen es jetzt so viele in Görlitz gibt. Aber ich verkniff mir die Frage.
So sind sie halt die Görlitzer. Wenn einer gewinnt, eine beträchtliche Summe, dann kann es nur ein Görlitzer sein. Nicht einer aus Bautzen oder aus Niesky, auch nicht aus Hoyerswerda. Nein, nur aus Görlitz. Denn den Görlitzern ist das Glück beschieden.
Sie haben Glück mit ihrer wunderschönen Stadt, dem Umland dazu, der Entschleunigung und der Unaufgeregtheit ihrer Stadt. Ihrer Gemächlichkeit. Auch bei gewichtigen Entscheidungen. Und mit ihren Stadtvätern haben sie besonderes Glück, die Görlitzer.
Nur ein Beispiel hierzu. Sobald ein noch nicht saniertes Mietshaus – von denen es ja kaum noch welche gibt, nur hier und da noch – ein schiefes Lächeln aufsetzt, wird es als einsturzgefährdend diagnostiziert und sogleich verarztet. Von unseren Stadtvätern. Sehr ordentliche und gewissenhafte Leute.
Aber das erst der Anfang. Souverän, wie nun mal Stadtväter auftreten und handeln, wird zur Sicherheit noch die ganze Straße, in der das Haus steht, gesperrt. Unsere Stadtväter erklären einfach eine Straße für nicht mehr befahrbar und begehbar. Wegen der Eilbedürftigkeit werden natürlich die Betroffenen, also die Gewerbetreibenden und Bewohner dieser Straße vorher nicht informiert. Die Straße ist einfach zu. So eine Art Gettoisierung. Natürlich auch für die Kunden der Geschäfte und Läden in dieser Straße. Eine einfache Maßnahme um Kauinteressenten an den sinnlosen Geldausgaben zu hindern. Und da soll es doch tatsächlich Bürger und Besitzer von Geschäften geben, denen es nicht gefällt, plötzlich vom Geschäftsverkehr, Haus und Hof abgeschnitten zu sein! Oder nur unter Inkaufnahme größerer Umwege – möglicherweise, auch nicht immer, zumal man unterwegs angesprochen werden kann, um ein längeres Gespräch über die Vielfalt der Einfalt von behördlichen Maßnahmen zu lamentieren – an ihren Zielort zu gelangen!
Was bilden sich diese Leute bloß ein? Die Sicherheit in dieser Stadt hat Vorrang! Was meinen die wohl, was für ein Geschrei anhebt, wenn eines Tages ein von einer Krähe zur Vorbereitung ihres Abfluges losgelöster und darum verwirrter Dachziegel seine grundsätzlich demütige Haltung gegenüber dieser Stadt vergisst und auf die Straße fliegt? Und noch einen zufällig vorbeilaufenden, ebenso verwirrten, weil sich in der Straße getäuschten Touristen trifft? Mitnichten. Er wird nur schlecht über diese geradezu ungebremsten, fast gesetzlosen Verhältnisse in punkto Sicherheit in Bautzener Kneipen reden. Wollen wir das? Nein!
Darum sollten wir glücklich sein, solch besonnen und vorausschauende Stadtväter zu haben. Glückliches Görlitz!
Nur einmal, habe ich gehört, haben sie sich von den ewig Unzufriedenen und Meckerern breitschlagen lassen. Beim Altstadtfest. Da haben sie die Straße einfach wieder aufgemacht. Dem einsturzgefährdeten Gebäude wurde per einstweilige Verfügung untersagt, während des drei Tage andauernden Festes weiche Knie zu bekommen. Es hat geklappt. Trotz der Ströme von fröhlichen Menschen, die durch die Straße zogen.
Nach den drei Tagen war aber Schluss mit dem Luftanhalten: Da wurde die Straße wieder gesperrt. Und haben wieder das Vertrauen in unsere besonnenen.
Stadtväter wiederbekommen. Ein Glück!
von Claus Böhm, August 2011
Eingereicht von Reinhold Meier
Beitrag 6
von Stephan Meier
Hinten Lumpen, vorne Mieder
Görlitz – Hinten Lumpen, vorne Mieder
Erst hab ich es nicht verstanden,
Dass sich lassen viele Greise
Zu uns karren busseweise,
Um im letzten Kaff zu stranden.
Erst aus ihrem Bus gestiegen,
Dann gleich durch die Stadt geschoben,
Immer schön die Altstadt loben
Und der Rest wird schön verschwiegen.
Ich sah was, was die nicht sehen:
Das war hässlich, alt und grau,
Das war arbeitslos und blau,
Das war mir genug zum gehen.
Unter andern Bürgermeistern
Gibt es schließlich auch noch Städte
Und ich dachte: Jede Wette,
Jede wird mich mehr begeistern.
Also zog ich in die Welt.
Strahlend sah dort alles aus,
Als ich stieg zum Bus hinaus,
So, dass es mir gleich gefällt.
Alles sauber und modern.
Eines nur ist ungeheuer:
Alles scheint hier viel zu teuer,
Doch den Preis bezahl’ ich gern.
Bald trat dann der Alltag ein
Und es zeigt die neue Stadt,
Was sie erst verborgen hat.
Und ich dachte: kann nicht sein!
Das schöne Bild begann zu flimmern:
Was erst bunt, war plötzlich grau,
Mancher hier auch manchmal blau.
Woran sollt’ mich das erinnern?
Mir ward klar, es gibt zwei Seiten.
Eine schöne, die man zeigt,
Von der anderen man schweigt.
Beide einem stets begleiten.
Als ich Görlitz dann besuchte,
Nahm die Narben ich in Kauf.
Denn das Schöne wiegt es auf,
Was ich vorher noch verfluchte.
Görlitz, du kannst sicher sein,
Irgendwann hast du mich wieder.
Hinten Lumpen, vorne Mieder,
Aber Mieten, die sind klein.
von Stephan Meier, Görlitz
Beitrag 7
Christel Jüttner
Großmutters Schürze
Eine Schürze wird geliebt
weil sie Sicherheit uns gibt.
Dazu muss sie größer sein
als ein Cocktailschürzelein.
Diese Gute, die ich meine,
braucht `ne lange Wäscheleine.
Bequem und sehr beliebt war sie,
die Länge ging weit unters Knie.
Eigentlich schützte sie die Kleider,
doch ihr Ruhm geht noch viel weiter!
Besser als jeder blaue Kittel –
war sie ein tolles Arbeitsmittel:
Wenn Oma kochte, mit großem Fleiß,
nahm sie auf den Arbeitsschweiß.
Selbst beim Tragen heißer Pfanne
half sie die große Hitze bannen.
Nahmen Kindertränen Ihren Lauf-
die Schürze tupft sie zärtlich auf.
Großmutter wusste sie zu nutzen:
Griffbereit war sie beim Naseputzen.
War´n die Ohren nicht ganz sauber,
nahm den Schmutz der Schürzenzauber.
Schämt´ sich mal ein kleiner Wicht,
schnell er „schürzenunter“ kriecht.
Tagsüber war sie ihr Begleiter
und half „Großi“ stets gut weiter:
Im Hühnerstalle sammelt` sie
die Eier von dem Federvieh.
Ohne Knick und ohne Brüche –
die Schürze bringt sie in die Küche.
Die Kücken haben, unverdrossen,
die warme Hülle sehr genossen.
Selbst bei Kälte konnt` sie nützlich sein:
Großmutter wickelt` ihre Arme ein.
Und man darf es ruhig sagen,
auch spän` und Brennholz konnt sie tragen.
Ein Korb ist nicht erforderlich,
die Schürze spricht doch stets für sich:
Möhren, Gurken, Apfel, Pflaumen,
alles Gute für den Gaumen,
die Schürze nimmt` s problemlos auf
und Oma rennt im Dauerlauf.
Fleißig ist sie immerzu.
Erbsen gepuhlt? Jetzt hat sie Ruh!
Doch leer geht Oma nicht hinaus:
Die Schürze trägt die Hülsen raus.
Nach ihrem Eifer immer zu
gönnt sie sich `ne Mittagsruh.
Vom Schlaf ist sie schon bald erwacht –
da wird das Fenster aufgemacht.
Dort sieht sie voller Schreck und Freude
es kommen liebe Geste heute.
Rettung ist die Schürze – mit Verlaub –
ruck-zuck sind Möbel frei von Staub.
Zum Abendessen ist es Brauch:
Sie nimmt die Schürze ab vom Bauch
und schwenkt sie fröhlich in der Luft:
Die Geste ihre Männer ruft.
Alle wussten dann Bescheid:
Mit dem Essen ist` s soweit.
Eine ganz besond` re Masche
ist die fesche Schürzentasche.
Mit dem Inhalt – süß und fein –
da verwöhnt sie Groß und Klein.
Nun sagt mir: „Welcher Apparat
hat so viele Tricks parat?
Ich will ja gegen gar nichts hetzen,
aber: Die Schürze kann nichts ersetzen!
von Christel Jüttner
Beitrag 8
Edzard Bertram
Muschelminna – Lied
Bänkelgesang, vorgetragen auf dem Muschelminnafest 2007, bei dem der 20.
Jahrestag der Enthüllung des Muschelminna-Brunnens auf dem Görlitzer Postplatz im Jahre 1907 in historischen Kostümen wiederauflebte, nach der Melodie „Sabinchen war ein Frauenzimmer…“
Herrschaften! Hochverehrliches Publikum! Meine Damen!
Was ist schon das gesprochene oder geschriebene Wort gegenüber dem gesungenen?
Der weltberühmteste Görlitzer war ein Schuhmacher, der etliche Bücher schreib und Jakob Böhme heiß. Kaum ein Görlitzer kennt ihn. Einen anderen Schuster dagegen kennt jeder Görlitzer. Wegen eines einzigen Liedes. Und das geht so:
(Pfeift die Melodie der ersten beiden Zeilen von „Sabinchen“. Dann singt er)
Im Jahre achtzehn – siebenundsiebzig,
da faßte man den Beschluß,
daß den bis dahin kahlen Postplatz
ein Kunstbrunnen zieren muss.
Im Stadtsäckel war Ebbe,
Berlin zuschußbereit.
Den Rest, fand der OB, ergäbe
der Bürger Spendierfreudigkeit.
Schon bald war man sich darin einig:
Des Brunnens Hauptfigur
soll darstell´n wahr und gar nicht kleinlich
die Görlitzer Natur.
Dam Künstler stellte edel,
so munkelte man schnell,
geheim sich vor ein Görlitzer Mädel
und stand für ihn Modell.
Gewissenhaft hat er gestaltet
die Görlitzer Natur.
Ihm hat ihr Wesen sich entfaltet.
Sonst blieb´s Vermutung nur.
Zehn Jahre sind verstrichen
bis er ans Ende kam.
Sein Weib ist ihn darüber verblichen
vor Wut und Schmerz und Gram.
Und schließlich kam die große Stunde,
da war der Traum erfüllt.
In würdevoller Festes runde
der Brunnen ward enthüllt.
Schon beim Trompetenschalle
ging das Getuschel los:
Das Mädchen mit der Muschelschale,
kennst du sie? Wer ist das bloß?
Der Künstler hat, – ihr seht´s noch heute-,
die Görlitzer Haltung geehrt,
daß sie, wie viele Bürgersleute,
gerichtswärts den Rücken zukehrt.
Wem sie, vom Bahnhof kommend,
erstmals gerät in Sicht,
zeigt sie sich unterwärts bekleidet.
Wie nackt sie ist, sieht man noch nicht.
Und neugierig von allen Seiten
den Brunnen bestaunen tat
ganz Görlitz. Und würdig tat ihn um schreiten
auch Herr Kommerzienrat
am Arm der teuren Gattin
und sittsam, wie man´s kennt.
vor ihm das reizende Fräulein Tochter,
der Sohn, ein fescher Student.
Voll Neugier sprach die Eheliebste:
„Blick hin, mein lieber Mann,
und zeig´erneut, du bist der klügste
der allen sagen kann:
Wer ist das Muschelmädchen?
Wir sind ja so gespannt!
Du siehst doch, wie sie alle rätseln,
doch wurde sie noch nicht erkannt.“
Und wieder hat gemustert achtsam
Herr Rat sie mit Aug´und Ohr.
„Ich weiß nicht recht“, sprach er bedachtsam,
„bekannt kommt sie mir vor,
Doch leider hab´vergessen
die Brille heute ich.
Sonst wäre mein Bemühen gewesen
erfolgreich sicherlich.
Nur einen Augenblick der Stille
die Gattin hat gestutzt.
„Hier hast du deine Reservebrille!
Sie ist sogar geputzt!“
„Das ist ja uns´re Minna!
Jetzt seh´ ich´s ganz genau!
ich kenn´s an allen Einzelheiten
von Haltung und Körperbau!“
Die Gattin sprach:“Du musst dich irren!
Nie konnte das gescheh´n!
Noch niemals habe ich unsere Minna
ohne Häubchen und Schürze geseh´n.“
„Ich schon“, versetzt der der Gatte.
Da zuckte ihre Hand
und traf des hohen Herren Backe.
Die Brille flog in den Sand
Da sprach der Sohn:“Es ist nicht richtig,
daß du dich so erregst
und öffentlich vor aller Augen
gar unseren Vater schlägst!
Denn wär´sie nicht verdecket,
läge ganz klar der Fall;
Du säh´st auf ihrer Hinterbacke
das reizende Muttermal“.
„Auch du mein Sohn!“, so sprach sie leise
und sank ohnmächtig hin.
Das Töchterchen in gleicher Weise
mit jüngferlichem Sinn.
Gebannt mußt´ auf sie stieren
der Sohn und hat geflucht,
dieweil sein Vater auf allen Vieren
nach seiner Brille sucht.
Zu Ende ist nun die Geschichte.
Doch wo bleibt die Moral?
Denn was ich ihnen heute berichte,
bleibt wahr in jedem Fall:
Zwiespältig wirkt noch immer
die Görlitzer Natur:
Die einen schwärmen vor Entzücken,
die anderen schimpfen nur.
Was tragt ihr von dem Lied nach Hause,
das keiner mehr vergisst,
bis daß, nach eines Jahres Pause,
das nächste Fest hier ist?
Die ihrer Moral vermisst,
seid mir darum nicht gram:
Jetzt wisst ihr, wie die Muschelminna
zu ihrem Namen kam.
von Edzard Bertram
